Schon im Vorjahr kam das ringende Geschwisterpaar Malik und Mansur von Köln-Mülheim nach Krefeld. Ich habe sie schon mehrfach bei Mannschaftskämpfen für Krefeld auf der Matte gesehen. Ich kann sie aber noch nicht auseinanderhalten. Der 22-jährige Malik erklärt mir am Telefon, dass er der kleinere von beiden ist. Dafür ist er der bulligere.
Ich plaudere ungezwungen mit ihm. Schauen wir mal, wohin das führt. Ich frage Malik nach seiner Arbeit. Er ist IT-Fachmann und arbeitet als Administrator bei einer Firma in Zürich. Er kann das größtenteils vom Homeoffice aus erledigen, hin und wieder fährt er zu der Firma. Die Familie Magomadov wohnt im beschaulichen Overath im Bergischen Land.
Die beiden sind ungefähr eine Gewichtsklasse, so um die 86 Kilo schwer. Der jüngere, Mansur, tendiert jetzt aktuell eher in die Richtung 90 Kilo. Er ist 19 Jahre alt. Mansur wurde dieses Jahr im April Dritter der Deutschen U20-Meisterschaften im Freistil. Das ist immerhin die beste Platzierung für Germania bei den Einzelmeisterschaften. Er macht aktuell sein Fachabi im Bereich Pflege/Gesundheitswesen.
Schon früh tauschten sie die Ringermatte mit dem Tretroller. Denn die beiden wurden schon als kleine Kinder von einem Freund der Familie zum Ringen mitgenommen. Und sie blieben dieser Sportart treu.
Nur Malik musste für eine gewisse Zeit aussetzen. Gegen seinen Willen. Denn er war vor ein paar Jahren schwer krank. Ich spreche ihn darauf an: Ja, er hätte dreimal kurz hintereinander Covid gehabt. Die Verläufe waren jedes Mal schwer. Was folgte, war Long Covid, eine Krankheit, bei der kein Ende abzusehen ist.
Er war mehrere Jahre außer Gefecht gesetzt, an Sport war nicht zu denken, hier ging es ums nackte Überleben. Dass er überhaupt wieder diesen harten Sport ausüben konnte, damit hat wohl keiner gerechnet.
Er sagt mir, dass er die Folgen der Krankheit immer noch spürt. „Moment mal“, wende ich ein, „du hast letztes Jahr alle deine elf Mannschaftskämpfe gewonnen. Das heißt, du musstest dann doch jeweils sechs Minuten Schwerstarbeit durchstehen. Hattest du etwa Probleme dabei?“ Ja, konditionell hätte er trotz regelmäßigen Trainings immer noch Probleme. Er müsse sich den Kampf gut einteilen und dürfe nicht zu viel Gas geben, sagt er mir.
Umso bemerkenswerter, dass er sich dennoch dieser unglaublichen Belastung aussetzt.
Ich frage ihn nach seiner Nationalität, ich tippe, die Brüder sind türkischstämmig. Nein, sie wären Tschetschenen, antwortet er mir. Ach, klar, Tschetschene, bei dieser Nationalität erstarrt man als Ringer gleich vor Ehrfurcht. Denn jeder aus dem Metier weiß, die Tschetschenen sind bekanntermaßen unglaublich gute Ringer. „Na klar“, sage ich, „Tschetschene, da ist ja nicht anders zu erwarten.“ Wir lachen, er weiß wohl schon, worauf ich hinauswill. Aber er muss mich enttäuschen: Nein, sie wären ganz unexotisch in Deutschland aufgewachsen und hätten das Ringen in Köln gelernt.
Ihre Mutter Leyla Magomadov lobt der Vorsitzende Jochen Haeffner über den grünen Klee: Sie brächte bei jedem Mannschaftskampf die leckersten Salate mit. Das ist natürlich ein schwerwiegendes Argument, das mir einleuchtet.
Auf jeden Fall können wir froh sein, diese Familie im Komplettpaket für Germania gewonnen zu haben. Und wir hoffen, dass sie uns weiterhin möglichst lange erhalten bleibt.
